Bogensport aus der Sicht
eines an der Bewegung Interessierten
Sport bestand aus meiner Erfahrung heraus darin, dass Bewegungsabläufe
(Techniken) an die sich ständig ändernde jeweilige Situation angepasst
durchgeführt wurden. Der Gegner versuchte dabei, meine Aktion zu
behindern, indem er entweder einfach physisch im Weg stand oder obendrein
durch geeignete Abwehrtechniken, gegebenenfalls durch Foulspiel, meinen
Weg zum Erfolg zu unterbrechen suchte. Der Schnellere, Kräftigere,
Ausdauerndere, mental Stärkere,
technisch Versiertere konnte dabei normalerweise als Gewinner die
Sportstätte verlassen.
Beim Bogensport ist alles anders. Es gibt keinen wirklichen Gegner-
du kämpfst mit deinen eigenen Unzulänglichkeiten, ein Gegner ist gar
nicht nötig.
Bei anderen Sportarten steht die Bewegung im Mittelpunkt. Das ist beim Bogensport
völlig anders: je weniger du dich bewegst, umso erfolgreicher kannst du
sein. "Mit sehr viel Kraft sich minimal zu bewegen" ist die
Hauptaufgabe.
Vor dem "sich nicht bewegen" gibt es noch einmal eine innere
Versammlung/Konzentration bei völliger Ruhe. Erstaunlich ist, wie viele
Fehler man bei so wenig Bewegung machen kann.
Allein beim Zusammenbau des Bogens habe ich kaum etwas ausgelassen:
Wurfarme oben und unten sowie die Krümmungsrichtung vertauscht und nicht
korrekt arretiert; bevor die Sehne die Wurfarme fixiert hatte, fielen sie
natürlich wieder ab. Das Visier zu locker, den Stabi in falscher Bohrung
und Richtung angebracht. Das alles natürlich unter Beobachtung eines
aufmerksamen Jugendlichen, der mich in netter Form auf diese
Unzulänglichkeiten hinwies.
Irgendetwas rappelte dann beim Schuss- schon wieder der Stabi oder das
Visier (und das Selbstbewusstsein).
Von Anbeginn hat mich irritiert, das das Visierkorn sich grundsätzlich
eher kreisförmig um das goldene Fleckchen auf der Zielscheibe bewegte.
Eigentlich ist das gar nicht so entscheidend, denn dieser goldene Spot war
ohnehin nur unscharf zu erkennen. Und dann gibt es noch den Begriff des
"Sehnenschattens". Zu Anfang meiner Bogensport-Karriere sollte
man noch gar nicht so sehr darauf achten (Sinngemäß: immer schauen, dass
die Sehne nicht stört). Das klappte auch ganz gut, aber das Gold blieb
weitgehend unbeschädigt.
Mit höherem Anspruch und Übungsdauer (besonders nach meinem ersten
Turnier) wurde nun auch dieses Element fast immer berücksichtigt, ebenso
das Anvisieren immer mit dem gleichen Auge.
Bei meinem Rundrücken blieben noch Unsicherheiten bei der
Bogenarm-Schulter-Linie. Eigentlich sollte es schon längst
"Klick" gemacht haben: der Zugarm zerrt verzweifelt um weitere
Millimeter Auslängung und der Bogenarm wurde immer weiter nach vorn
geschoben. Das müsste etwa nach der 20. Passe am Ende des Trainings
passiert sein.
Ich nutze natürlich auch weitere Fehlermöglichkeiten: das Kinn weicht
vor der herannahenden Sehne zurück, der Kopf hat bei der
Drehung eine Sperre, die verhindert, dass die Nase ihren Sehnenkontakt
erhält. Auch kippt der Bogen nach vollzogenem Atemstillstand und
Fingerlösung nicht befreit nach vorne- wahrscheinlich ein Reflex aus der
Nachkriegszeit, als man sich nur ungern von Dingen trennte, die man einmal
besaß.
In meinem fortgeschrittenen Alter wird es zunehmend schwieriger, die
Übersicht über die Fehler zu behalten. Durch natürliche Vergesslichkeit
habe ich die Illusion, dass es immer weniger werden. Aber so bin ich nicht
auf Ausreden wie Seitenwind angewiesen.
Ein bisschen fühle ich mich unter Zeitdruck: ist der nächst stärkere
Wurfarm noch sinnvoll oder soll ich eher maßvoll das Niveau halten und
bei 30m den Zufriedenen spielen? Dann brauchte ich auch nicht so viele
Pfeile nachkaufen.
Günter Weyer (Anfang April 09)
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